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  • Juliane Echternkamp

„Achtsam morden“, ein Krimi, der mich nachdenklich gemacht hat!

Aktualisiert: Okt 17

In dem Krimi „Achtsam morden” wird der Protagonist Björn Diemel von seiner Frau zu einem Achtsamkeitscoach geschickt, um ihre Ehe zu retten. Doch das Achtsamkeitstraining ist nicht nur gut für seine Work-Life-Balance und damit für seine Beziehung zu Frau und Tochter. Es führt auch dazu, dass der Anwalt ganz eigene Lösungen für seine Probleme findet und einen seiner Mandanten, einen brutalen Groβkriminellen, aus dem Weg schafft, indem er ihn ermordet. Ganz achtsam und wertfrei!



Ich liebe Krimis und dieser von Karsten Dusse ist äuβerst spannend und unterhaltsam! Allerdings hat er mich auch nachdenklich gemacht! Denn ich bin Achtsamkeitstrainerin und -Coach! Und es ist meine Vision, dazu beizutragen, durch Achtsamkeit die heutige Arbeitsweltwelt ein Stück weit menschlicher zu gestalten. Doch glaubt man dem Roman, kann durch diese Praxis auch das genaue Gegenteil erzielt werden, denn zumindest den Romanheld hat sie eiskalt und berechnend werden lassen. Ist das reine Fiktion, fragte ich mich. Oder birgt die Achtsamkeitspraxis tatsächlich ein Gefahrenpotential, was mir bisher verborgen geblieben ist?


Dem ging ich nach und stieβ auf beunruhigende Fakten. Ich las von japanischen Kamikaze-Piloten, die sich im Zweiten Weltkrieg mit Zen-Training darauf vorbereiteten, ihre mit Sprengstoff geladenen Flugzeuge auf den Schiffen der Alliierten zum Absturz zu bringen. Und auch in der Gegenwart finden sich Beispiele für einen offensichtlichen Missbrauch dieser Methode, denn in den USA werden nicht nur traumatisierte Kriegsveteranen mit Achtsamkeit therapiert, sondern auch vorher schon auf ihre Kampfeinsätze vorbereitet. Eine Vorgehensweise, die besonders bei Drohnenpiloten sehr erfolgreich sein soll!


Was ich bei der Lektüre von Dusses Roman noch als Satire abgetan hatte, ist also bittere Wahrheit: Lehrt man Achtsamkeit bar jeder Ethik, kann man damit auch völlig unethische Dinge äuβerst erfolgreich ausführen!


Das jedoch ist sicher nicht im Sinne des Erfinders, bzw. würde Buddha sich im Grab umdrehen, wüsste er, wozu seine Lehren missbraucht werden. Denn was auch klar ist, ist folgendes: Im Buddhismus, wo die Achtsamkeitspraxis ihren Ursprung hat, gehören Achtsamkeit und Mitgefühl untrennbar zusammen!


Die meisten von uns werden zwischen Geist und intellektuellen Qualitäten einerseits und Herz und emotionalen Eigenschaften andererseits unterscheiden. Folglich wird nicht jeder bei Achtsamkeit auch an die Entwicklung eines mitfühlenden Herzens denken, bzw. bei Herzensbewusstsein die Entwicklung von Achtsamkeit einschlieβen. Doch das Üben von Achtsamkeit alleine kann zu kalter Gefühlslosigkeit führen, wie meisterhaft von Dusse dargestellt, sowie der Versuch, ohne Einsicht und Weisheit fürsorglich und freundlich zu sein, zu ungesunden Formen des Mitgefühls.


Um zu unterstreichen, dass beide Praktiken zusammengehören, verwendet man in Asien eine schöne Metapher, und zwar das Bild des Vogels. Der eine seiner Flügel steht für Weisheit, die durch Achtsamkeit kultiviert wird und der andere für Mitgefühl, das das Herz verwandelt. Um zu fliegen, braucht ein Vogel beide Flügel!


Übrigens sind es nicht nur die spirituellen Traditionen, die sich seit Jahrtausenden der Bedeutung von Mitgefühl bewusst sind. Schon seit einigen Jahrzehnten ist diese, bewusst zum Handeln motivierende Haltung auch ein wichtiges Thema in der Forschung und hat mittlerweile sogar Einzug in die Wirtschaft gehalten! So hielt das „Mind and Life Institute“ in Zürich 2010 eine Konferenz zum Thema „Mitgefühl in der Wirtschaft“ ab. Eingeladen waren führende Köpfe aus Wissenschaft und Wirtschaft, die in Gegenwart des Dalai Lama die Frage diskutierten, welche Bedeutung eine „prosoziale und altruistische Motivation“ in unserem westlichen, auf Wettbewerb orientierten Wirtschaftssystem hat. Fazit: „Wir können es uns heute nicht mehr leisten zu meinen, wir führten eine Art Inseldasein. Wie gut es uns geht, hängt mit anderen zusammen“, so Tania Singer und Matthieu Ricard. Die Forschungsresultate dazu machten Hoffnung. „Altruismus kann erlernt und kultiviert werden und wir werden durch ihn tief greifend belohnt.“


Achtsamkeit und Mitgefühl gehören also untrennbar zusammen! Wer das im Kopf behält, dem kann ich die Lektüre von „Achtsam morden“ nur wärmsten empfehlen. Als spannende Unterhaltung, sowie als völlig unorthodoxe, erfrischende Einführung in die Achtsamkeitspraxis!

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