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  • Juliane Echternkamp

Achtsamkeit fördert eine Beziehung, die auf innerer Güte beruht



Ein Interview mit Soledad Calle Fernández: Psychologin mit eigener Praxis, Direktorin des „Master in Achtsamkeitsbasierten Interventionen“ der Universität Barcelona, ​​25-jährige eigene Meditationspraxis. Verheiratet und Mutter von zwei Töchtern. Hobbys: Lesen und Gärtnern.



Welche Folgen der Pandemie auf das psychische Wohlbefinden deiner Patienten oder auf die Menschen in deiner Umgebung kannst du beobachten?


Ich sehe, dass insbesondere Angststörungen zugenommen haben. Wir erleben einen Moment der globalen Trauer, weil wir so viele Sachen verloren haben oder nicht mehr tun können. Wir arbeiten im Homeoffice, sind isolierter und die Freizeitmöglichkeiten sind sehr stark eingeschränkt. All dies trägt zu einem Klima größerer Angst bei.


Eine Angststörung zeigt sich durch groβe Sorgen und Ängste, die von der Vorstellung einer schrecklichen Zukunft ausgelöst werden. Aber jetzt geht es nicht so sehr um eine schreckliche Zukunft, sondern es gibt reale Fakten, Erfahrungen. Die Menschen wissen nicht, wie es mit ihren Geschäften weitergeht, was aus ihrer Arbeit wird, ihrem Leben..., wir alle müssen uns neu erfinden!

Und das geht oft mit der Wahrnehmung einher, sich aus dem Verlust heraus neu erfinden zu müssen. Die Umgebung ist feindlicher und es ist mehr Resilienz erforderlich. Wir alle brauchen mehr Resilienz, um den Widrigkeiten, denen wir ausgesetzt sind, standzuhalten.


Und hier kommt Achtsamkeit ins Spiel, weil sie hilft, Resilienz zu fördern!


Ja, Achtsamkeit ist ein großartiges Tool! Viele Unternehmen erkennen dies und bieten ihren Mitarbeitern die Möglichkeit an, an Achtsamkeitsprogrammen teilzunehmen. Dazu möchte ich dir gerne eine schöne Geschichte erzählen:


Eine Studentin unseres Masterstudiengangs hat Verwandte, die als Pfleger im Krankenhaus Can Ruti in Badalona arbeiten und ​​die sehr gestresst waren. Das Pflegepersonal leidet zurzeit sehr, viele sprechen von „Krieg“ und „im Schützengraben festsitzen“, wenn sie mit mir über ihre Situation sprechen. Diese Studentin hatte die Idee, Webinare für das Pflegepersonal anzubieten. Mithilfe ihrer Kommilitonen erstellten sie spontan ein Achtsamkeits-Programm, das sie dann dem gesamten Pflegepersonal über zwei Monate lang täglich in halbstündigen Einheiten erteilten. Sie luden auch uns Dozenten ein, daran teilzunehmen, was ein großartige Erfahrung war. Das Pflegepersonal war so dankbar für dieses Angebot!


Das kann ich mir gut vorstellen ... Ich würde gerne noch einmal auf das Thema Resilienz zurückkommen, denn sicher ist nicht jeder mit diesem Begriff vertrau. Könntest du ihn kurz definieren?


Nun, es handelt sich um die Fähigkeit, einer widrigen Situation bestmöglich zu begegnen. Eigentlich handelt es sich um einen Begriff aus der Physik, der sich auf Materialien bezieht, die ihre Form verlieren und sie wieder herstellen können. Auf psychologischer Ebene geht es darum, sich nach einer Stresssituation, die durch Unsicherheit und Besorgnis hervorgerufen wurde und in der es persönlichen Verschleiß und Trauer gibt, wieder in sein Zentrum zurückversetzen zu können. Also seine innere Essenz wiedergewinnen zu können!


Warum verbessert Achtsamkeit die Resilienz?


Weil Achtsamkeit zusammen mit Mitgefühl eine größere innere Verbindung ermöglicht. Mit Achtsamkeit entsteht ein Bewusstsein, das den eigenen Geist beobachtet und von dieser Position des Beobachters aus kannst du erkennen, freundlich und akzeptierend, was ist. Und gleichzeitig kannst du wahrnehmen, was für dich gut ist und was nicht, weil du beobachtest, was dich mehr zermürbt und was weniger.


Wenn ich an einem Tag sehr gestresst bin und über alles nachdenke, was mich am nächsten Tag erwartet, kann ich herausfinden, was mich nährt, und damit meine ich nicht nur die tatsächliche Nahrung, sondern auch die geistige und spirituelle, was mir also ermöglicht, mein inneres Gleichgewicht zurückzuerlangen und so dem neuen Tag bestmöglich zu begegnen.


Viele Leute sagen mir, dass es ihnen hilft, sich innerlich mit positiven Emotionen zu verbinden. Zurzeit können wir alle sehr wütend oder verängstigt sein, aber wenn man aus so einer Stimmung heraus dem neuen Tag begegnet, wird man schnell ermüden! Wenn ich mich stattdessen auf emotionaler Ebene mit Liebe oder Freude verbinde, um mein Bestes zu geben, werde ich den Tag viel besser durchstehen.


Mir gefällt sehr, wie du die Idee des Nährenden erklärt hast! Es hat mich an all die Menschen denken lassen, die jetzt im Homeoffice sind. Ich denke, dass Achtsamkeit auch hier sehr hilfreich sein kann, um nicht den ganzen Tag im sogenannten Autopilot-Modus vor dem Bildschirm zu verbringen, sondern zu bemerken, wann man eine Pause, wann man etwas Nährendes braucht!


Ja, genau! Achtsamkeit hilft, eine bessere Verbindung zwischen Körper und Geist herzustellen und so schneller zu bemerken, wann mein Körper eine Pause oder etwas zu essen braucht. Dann beantworte ich nicht weiter E-Mails, während ich etwas esse, sondern schalte den Computer aus. Ich passe auf meine Kraftreserven auf, damit ich das, was ich jeden Tag tun muss, auch wirklich tun kann!


Du unterrichtest seit vielen Jahren Achtsamkeit. Welche Veränderungen experimentieren die Menschen, die Achtsamkeit erlernen?


Als Beispiel kann ich von den Studenten vom Masterstudiengang berichten, die wir am Ende eines jeden Studienjahres um ein Feedback bitten. Darin benutzen viele das Wort Transformation. Sie sprechen davon, dass sie mehr Freund oder Freundin ihrer selbst geworden sind, dass sie eine Beziehung zu sich selbst haben aufbauen können, die mehr auf innerer Freundlichkeit beruht und nicht so sehr auf Ansprüche oder der Suche nach Perfektion.


Viele erwähnen auch den Frieden, den sie gefunden haben, indem sie einige ihrer Erwartungen an das Leben, an ihre Familie oder ihren Partner, an ihren Sohn oder ihre Tochter, haben loslassen können. Ein Loslassen dessen, was dem Verstand nach sein sollte und stattdessen ein Akzeptieren und Umarmen von dem, was ist.


Andere sprechen davon, besser aus dem Autopiloten-Modus auszusteigen zu können.

Da wir bereits zu wissen meinen, was uns heute erwartet, sind wir in dem, was wir tatsächlich erleben, nicht sehr präsent. Begegnen wir stattdessen allem mit Achtsamkeit, können wir auch in sehr schwierigen Zeiten wie jetzt schöne Momente entdecken. Denn die gibt es nach wie vor!


Um solche Transformationen zu erleben, reicht es nicht aus, sich nur vorzunehmen, achtsam zu sein. Man muss Achtsamkeit wirklich üben. Welche tägliche Praxis empfiehlst du einer Person, die arbeitet und nicht viel Zeit hat?


Nun, das hängt von der Person ab, aber wenn jemand wenig Zeit hat, empfehle ich oft eine informelle Praxis. Damit meine ich, eine dieser Aktivitäten, die wir im Alltag normalerweise ganz automatisch erledigen, bewusst auszuführen. Das morgendliche Duschen beispielsweise. Statt dabei darüber nachzudenken, was auf der Tagesordnung steht und was einen so alles erwartet, sich auf die Körperempfindungen konzentrieren, den Schwamm in Berührung mit dem Körper fühlen, den Geruch der Seife wahrnehmen..., in dem Wissen, dass es ganz normal ist, wenn man nach drei Sekunden die Aufmerksamkeit verliert! Es geht nur darum geht, dies zu bemerken und so die Aufmerksamkeit zurück auf die sensorischen Informationen lenken zu können.


Ja, es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass es normal ist, schon nach wenigen Sekunden mit den Gedanken abzuschweifen, denn sonst kann das Meditieren eine sehr frustrierende Erfahrung sein!



Auch kann man in stressigen Zeiten bei der Arbeit immer mal eine Pause für eine kurze Atemmeditation einlegen. Dann werden viele Menschen erleben, dass etwas wieder ins Flieβen kommt und man mit einem frischen Blick dorthin zurückkehrt, wo man vorher gewesen war.



Oder wenn man eine Mahlzeit alleine einnimmt, kann man diesen Moment nutzen und die Aufmerksamkeit auf alle über die verschiedenen Sinne aufzunehmenden Informationen lenken, auf die Farbe der Nahrungsmittel, den Geruch und den Geschmack. Und auch darauf, wie das Essen beim Kauen und Schlucken schmeckt und wie es sich anfühlt, wenn es in den Magen gelangt.


Andererseits kenne ich auch viele Menschen, die trotz anstrengender Arbeit eine regelmäβige Achtsamkeitspraxis einhalten. Zu mir in die Praxis kommt zum Beispiel ein Mann, der Generaldirektor ist, und der jeden Tag eine halbe Stunde formell meditiert.


Für solche Sitzmeditationen empfehle ich, eine bestimmte Abfolge einzuhalten und die Aufmerksamkeit zuerst auf den Atem zu lenken, dann auf die Körperempfindungen, danach auf Emotionen und Gedanken und schlieβlich eine mitfühlende Praktik zu integrieren.


Und du, Soledad, wie hast du die Achtsamkeit für dich entdeckt?


Ich? Wie in den meisten Fällen ist das Leben sehr großzügig, denn das passierte in einer sehr stressigen Zeit in meinem Leben vor mehr als 25 Jahren, als ich gerade meine erste Tochter bekommen hatte. Sie wachte nachts sehr oft auf, sodass ich praktisch ohne Schlaf zur Arbeit gehen musste. Da fand ich im Briefkasten zu Hause eine Werbebroschüre, in der „Wochenenden in Stille“ angeboten worden. Das Wort „Stille“ sprang mir sofort in die Augen, genau das brauchten mein Mann und ich so sehr!


Wir meldeten uns mit unserer Tochter an - es gab einen Babysitter-Service - und gleich das erste Wochenende war ein Meditationsretreat. Ein etwas schwerer Einstieg, weil wir plötzlich sechs oder sieben Stunden am Tag ohne vorherige Erfahrung meditierten, aber später wurde uns klar, wie gut sich das für uns angefühlt hatte. Wir sind in einem ganz anderen Zustand nach Hause gekommen!


Hätte ich nur auch eine solche Broschüre bekommen. Mein erstes Kind schlief auch sehr schlecht!


Die Person, die die Meditation lehrte, war Laia Montserrat, die wir jetzt als Dozentin im Master haben. Mein Mann und ich nahmen an all den von ihr organisierten Treffen teil und so entdeckte ich die Achtsamkeit.


Was ist der Schlüssel dafür, die Achtsamkeitspraxis langfristig in den eigenen Alltag integrieren zu können?


Es ist wichtig, eine Routine zu etablieren. Denn wenn ich darauf vertraue, dass ich schon irgendwann den richtigen Zeitpunkt finde, um Achtsamkeit zu üben, dann wird es nie dazu kommen. Jeder Tag ist mit Millionen von Dingen beladen!


Es geht also darum, eine neue Gewohnheit aufzubauen. Und dabei ist es wichtig zu erkennen, was einem hilft, diese Gewohnheit aufrechtzuerhalten. Selbstdisziplinierten Menschen fällt dies leichter.


Anderen kann es helfen, sich selbst dazu zu verpflichten, indem man sich mit anderen zusammen tut, oder nach einer App zu suchen, die einen daran erinnert, die tägliche Praxis aufrechtzuerhalten.


Vielen Dank, Soledad, für dieses inspirierende Interview. Gibt es noch etwas, was du hinzufügen möchtest?


Ja! Ich möchte die Menschen ermutigen, mit Achtsamkeit ein Experiment zu machen. Nach nur einem Tag werden sie nichts bemerken. Aber was passiert nach einer Woche? Vielleicht können sie beobachten, dass sich etwas in ihrem Kopf verändert hat!

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