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  • Juliane Echternkamp

Achtsamkeit: „Sich hingeben an das, was man tut“


Ein Interview mit Rudi Ballreich, Organisationsberater, Mediator, Autor und Coach, sowie Leiter des Lehrgangs „Train the Trainer für Mindful Leadership“ der Universität Witten/Herdecke







Bei dem letzten Modul meiner Mindful Leadership-Ausbildung hatte ich Gelegenheit, folgendes Interview mit Rudi Ballreich zu führen. Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue, wie wach und präsent Rudi in jedem Gespräch ist. Auch jetzt wieder. Nie verliert er den Faden, immer kommt er auf die ursprüngliche Frage zurück. Wachheit, Klarheit und Präsenz; wie wohltuend wäre das Zusammensein mit anderen, wenn wir alle mehr darüber verfügen würden!

Rudi, was war für dich der Auslöser dafür, Achtsamkeit zu einem wichtigen Bestandteil von deinen Führungskräftetrainings zu machen?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten! Von der Ausbildung her bin ich Gestalttherapeut und schon vor dieser Ausbildung habe ich viele Jahre meditiert. Jetzt bin ich seit mehr als 25 Jahren selbstständig tätig als Berater, Trainer und Coach, anfangs auch als Psychotherapeut, und von Beginn an war für mich das Thema Awareness wichtig. Awareness heiβt Gewahrsein. Gewahrsein, was da ist. Bewusstheit. Und das ist ziemlich ähnlich zu dem, was heute als Mindfulnessansatz da ist.

Wenn ich genau bin, habe ich mit 16 oder 17 Jahren ein Buch zu verstehen versucht, bei dem es um das Wahrnehmen der inneren Prozesse geht: „Die Philosophie der Freiheit“ von Rudolf Steiner. Der Untertitel des Buches lautet „Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode“. Es geht darum, dass eigene Innere wahrzunehmen, so genau wie ein Naturwissenschaftler die Natur beobachtet. Dieses Thema hat mich seitdem nicht mehr losgelassen. Wenn wir jetzt ganz zurückgehen würden, wäre das der Ansatzpunkt.


Ein weiterer Punkt hängt mehr mit Organisationen zusammen. 2005 oder 2006 war ich in der Leitungsgruppe einer internationalen Beratervereinigung, der „Association of Social Development“ und habe den Vorschlag gemacht, Arthur Zajonc zum alljährlich stattfindenden Kongress einzuladen. Arthur Zajonc war ein Quantenphysik-Professor in Amerika und gleichzeitig Meditationsforscher und Berater vom Dalai Lama in naturwissenschaftlichen Fragen.


Meine Idee war, mit ihm zu arbeiten, um der Frage nachzugehen, wie man Meditation in Unternehmen bringen kann. Daraus ist eine vierjährige Arbeit entstanden und schlieβlich auch der Workshop „Aus tieferen Quellen schöpfen. Meditation als Erkenntnisweg für Berater und Führungskräfte“. Dieser Workshop wurde gefilmt, weil ich diesen Prozess festhalten wollte. Und aus diesem Film, „From business to being“, der übrigens auch ins Kino gekommen ist, ist schlieβlich dieser Universitätslehrgang „Train the Trainer für Mindful Leadership“ hier am Benediktushof geworden.


Ich muss nochmal nachvollziehen, warum Achtsamkeit ausgerechnet für die Organisationswelt so wichtig ist...

„Aus tieferen Quellen schöpfen“ ist für mich als Berater ein zentrales Thema. Wie gelingt es, zu den Themen zu kommen, die versteckter sind in Organisationen? Zum Beispiel zum Thema Kultur, also zu den heimlichen Spielregeln, die in einer Organisation wirksam sind. Diese können blockieren, wenn sie zu einer kalten Konfliktkultur führen. Das heiβt, dass Dinge, die nicht stimmen, unter dem Teppich gehalten werden und da stinken sie. Jeder weiβ es, und keiner sagt etwas.


Oder wie kommt man zu dem, was Menschen wirklich begeistert? Was sie von innen heraus antreibt? Heute spricht man von intrinsischer Motivation und von Selbstorganisation. Das sind für mich tiefere Quellen und zu denen zu gelangen, war schon immer mein Ansatz in der Beratung. Anfangs habe ich mit kreativeren Techniken gearbeitet, mit Aufstellungen etc. Mindfulness ist ein anderer Weg!


Danke, Rudi. Jetzt möchte ich noch einmal einen Schritt zurückgehen. Wie kannst du so einfach wie möglich erklären, was Achtsamkeit eigentlich ist? Jemandem, der noch nie davon gehört hat?

Es geht schlicht und einfach darum, bei dem, was ist, wirklich da zu sein. Mit allen Sinnen, mit aller Aufmerksamkeit. Sich quasi hinzugeben an das, was man tut.


Es gibt eine mittelalterliche Mystikerin, Margareta Porete, die verbrannt wurde, weil sie sehr revolutionär gedacht hat. Eine Biografie über sie heiβt: „Liebe und tue, was du willst“. Und das drückt es vielleicht aus. Wenn du das, was du tust, wirklich liebst, wenn du interessiert bist, wenn du wirklich engagiert und da bist, dann bist du im Jetzt. Und das ist für mich Mindfulness!


Ich bin schon mit Mitarbeitern konfrontiert worden, die sich innerlich dagegen gewehrt haben, Achtsamkeit zu lernen. Denn ihrer Meinung ging es dabei nur um Selbstoptimierung und darum, dass ihre Firma nur noch mehr aus ihnen herauszuholen wollte. Wie würdest du mit so einer Situation umgehen?

Wenn die Mitarbeiter denken, sie sind nur da, um best möglichst ausgebeutet zu werden, dann hat die Firma ein Problem. Denn dann werden die Mitarbeiter gucken, wie sie mit möglichst wenig Aufwand nur das tun, was sie tun müssen, um ihr Geld zu kriegen und die Firma wird danach gucken, die Mitarbeiter möglichst viel einzuspannen und möglichst viel aus ihnen herauszuholen. Wenn das der Deal ist, dann hat die Firma ein Problem. Denn heute geht es darum, agil zu sein und sich schnell auf Veränderungen einzustellen und das geht nur, wenn die Mitarbeiter selbstständig denken und nicht alles Top-down organisiert wird.


Mindfulness in so eine Firma zu bringen würde bedeuten, den Menschen das System bewusst zu machen. Sie würden aufwachen und ansprechen, dass sie sich in einem krankmachenden System befinden. Deshalb wäre es gut, in so einem Fall mit der Firma zu reden. Wollt ihr das? Wollt ihr Veränderungen? Wollt ihr mündige, selbstverantwortliche Mitarbeiter?



Ich nehme an, dass du Mitarbeiter auch nie dazu zwingen würdest, ein Achtsamkeitstraining mitzumachen, bzw. dass du es immer nur auf freiwilliger Basis anbieten würdest.

Zwingen kann man eh niemanden. Im eigenen Bewusstsein ist jeder frei. Ein Achtsamkeitstraining ergibt nur Sinn, wenn jemand bereit ist, sich auf ein Experiment einzulassen. Etwas Neues auszuprobieren und zu schauen, was es mit einem macht, ob es passt. Das wäre für mich die Voraussetzung.


Meiner Erfahrung wirkt es bei kleineren Betrieben eher abschreckend, wenn ich erkläre, dass Google, SAP, Bosch etc. ihren Mitarbeitern und Führungskräften Achtsamkeitskurse anbieten. Hast du dafür eine Erklärung? Was für Überzeugungsarbeit muss man da leisten?

Also, ich habe Mindfulness auch im Mittelstand eingeführt, wo das sehr gut angekommen ist. Aber ich glaube, Mittelständler denken, dass die Konzerne auch etwas Abgehobenes haben. Konzerne müssen etwas tun, was alle verbindet. Wenn bei Bosch weltweit Achtsamkeit eingeführt wird, dann ist das auch etwas, was mit der Identität zu tun hat: Wer sind wir eigentlich, wie können wir uns kulturell als Gemeinsamkeit fühlen?


Mittelständler sind dagegen familiärer. Oft handelt es sich auch um Familienunternehmen. Der Geist der Familie, die Art und Weise, wie die Familie ist, das spürt man im Unternehmen und da passt so eine neue Welle nicht unbedingt. Zumindest führt man neue Wellen nicht so schnell ein.


Wird das noch kommen?

Mindfulnesstraining schlicht und einfach als Maβnahme des Gesundheitsmanagements zu sehen wird kommen, denke ich. Denn wissenschaftlich ist es unstrittig, dass Mindfulness hochwirksam ist, was Stressbewältigung betrifft. Ob es bei dem Thema Führungskräfteentwicklung eine Rolle spielen wird, ist eine andere Ebene. Denn das hat mit dem Verständnis von Führung zu tun. Je mehr ein Unternehmen agil, beweglich, lernfähig, veränderungsbereit, innovativ und kreativ sein will, desto mehr braucht es selbstverantwortliche Menschen. Menschen, die sich selber organisieren. Das Prinzip Top-down, also Hierarchie und Kontrolle, das wird immer mehr abnehmen. Auch beim Mittelständler, weil der sich sonst nicht halten kann.


Und um diese intrinsische Motivation, diese Selbstverantwortungsfähigkeit zu entwickeln, brauchen Führungskräfte und Mitarbeiter Mindfulness. Mindfulness nicht nur verstanden als Fokussierung auf den Atem, auch wenn das am Anfang ganz wichtig ist, sondern gemeint, als den eigenen Mind beobachten zu lernen. Die eigenen psychischen Vorgänge wahrzunehmen; zu beobachten und wahrzunehmen, was in einem vorgeht. Automatismen zu bemerken und zu stoppen und mit Emotionen umzugehen. Denn wenn man in Veränderung ist, entsteht Angst.


Das wäre für mich, was Führungskräfte brauchen. Und da bietet ein Mindful-Leadership-Training viele Ansätze. Ansätze, die nicht nur aus dem buddhistischen Übungskanon stammen, sondern auch aus Gestalttherapie und Bioenergetik. Alles Ansätze, damit der Mensch frei wird und zu dem „Liebe und tue, was du willst“ gelangt!


Zu Achtsamkeit gehört auch eine Haltung, die Mitgefühl und Selbstmitgefühl beinhaltet. Inwieweit sind diese Konzepte salonfähig in der Wirtschaft? Gerade jetzt in der Coronazeit, wo viele nur an das eigene Überleben denken?

In der Achtsamkeitsbewegung ist Mitgefühl und Selbstmitgefühl als Ansatz da. Wenn man sich als Mediator mit Konflikten beschäftigt, dann handelt es sich sogar um das zentrale Thema. Wo Menschen zusammen arbeiten, da menschelt es, da gibt es Spannungen und Konflikte. Und all diese sozialen Beziehungen werden nur funktionieren, wenn die Menschen lernen, das, was da ist an Emotionen anzunehmen und damit umzugehen. Wenn es schmerzhafte Emotionen sind, braucht es dazu eine mitfühlende Haltung, sich selbst gegenüber und dem anderen, über den man sich so ärgert.

Für Zusammenarbeit, wenn sie spannungsreich wird, ist das eine Basiskompetenz.

Konfliktbewältigung braucht eine mitfühlende Haltung. Selbstempathie und Empathie für den anderen. Das ist die Grundlage für Emotionale Intelligenz.


Die Übungen dazu aus dem Mindfulesstraining sind sehr hilfreich. Doch braucht es auch Übungen, die diese mitfühlende Haltung mit sozialen Aktionen verknüpft. Also ein Kommunikationstraining, in dem (Selbst-) Empathie und Mitgefühl integriert sind.


Das unterscheidet also ein herkömmliches Kommunikationstraining von einem, was auf Achtsamkeit basiert?

Genau! Der Unterschied liegt darin, dass ich ganz bewusst Übungen einsetze, um diese Fähigkeit zum Mitgefühl zu stärken. Die inneren Bewegungen des Mitfühlens ist wie Muskeltraining, obwohl es hier um eine Herzensbewegung geht. Das Herz muss frei sein, damit es resoniert zu dem, was geschieht. Dann liebe ich. Dann bin ich in Beziehung zu dem anderen und zu mir selbst.


Ich danke dir sehr, Rudi. Das Gespräch war sehr interessant!

Ja, ich habe mich bemüht, nicht die üblichen Antworten zu geben.

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Tel.: +34 686 54 18 03

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