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  • Juliane Echternkamp

„Die Wertschätzung, die man Menschen entgegenbringt, kommt um ein Vielfaches zurück!“



Siegfried Dengler ist Architekt und Stadtplaner und als Leiter des Planungsamtes einer Deutschen Großstadt verantwortlich für ca. 90 MitarbeiterInnen in 5 Abteilungen. Verheiratet und Vater dreier erwachsener Söhne. Langjährige Meditationserfahrungen und interessiert u.a. an meditativer Fotografie.



Eine Interview mit einer Führungskraft und deren Erfahrungen mit Achtsamkeit.


Sigi, du hast zwei Coachingausbildungen absolviert und nimmst zurzeit an einem Mindful Leadership-Lehrgang teil. Inwieweit wirken sich diese Ausbildungen auf dein Führungsverhalten aus?

Das ist natürlich sehr subjektiv und eigentlich müsste man dazu meine MitarbeiterInnen befragen. Ich meine aber, dass ich über die Ausbildungen zu einer Kommunikation gefunden habe, die sich dadurch auszeichnet, mehr und anders zuhören zu können. Und ich nehme den Menschen besser in seiner Gesamtheit wahr, also nicht nur, was er spricht, sondern auch seine Mimik und Körpersprache! Ich bilde mir ein, Schwingungen aufnehmen zu können, die darüber hinausgehen, was ich vorher festgestellt habe!

Durch die Achtsamkeitsübungen habe ich gelernt, bei der Sache zu bleiben. Ich kann Ziele im Fokus behalten und bin weniger abgelenkt durch Nebenkriegsschauplätze!

Und heute gelingt es mir meistens Lösungen zu finden, die gemeinsam getragen werden können. Mir wird oft gespiegelt, dass ich die Fähigkeit besitze, auch sehr verkrustete Situationen aufzulösen!


War der Antrieb für diese Ausbildungen beruflicher oder privater Natur?

Eigentlich beides! Der Anstoβ war, dass ich oft von Menschen angesprochen worden bin, die von mir einen Rat wollten oder eine Art Coaching, obwohl ich diesen Begriff damals nicht gebraucht habe. Und irgendwann dachte ich, dass es eine Überlegung wert wäre, das zu professionalisieren. Es hat mich einfach interessiert, wie Kommunikation funktioniert oder wie Kommunikation eben nicht funktioniert!

Mein Job ist dadurch gekennzeichnet, dass ich täglich mit Menschen und mit ganz unterschiedlichen Interessen zu tun habe. Ich bin Stadtplaner und Stadtplanung ist, sage ich oft, der Umgang mit Zielkonflikten! Und diese bedürfen einer sehr intensiven Kommunikation. Was steckt hinter den Konflikten, was ist das wirkliche Interesse? Da haben mir meine Ausbildungen sehr geholfen.


Die Mindful Leadership-Ausbildung beinhaltet auch, eine eigene Achtsamkeitspraxis aufzubauen. Wie sieht deine aus?

Ich meditiere täglich, morgens und abends. Dann laufe ich jeden morgen, was nach meinem Verständnis auch eine Achtsamkeitspraxis darstellt, und ansonsten ist es der ständige Versuch, achtsam durchs Leben zu gehen. Immer zu gucken, was jetzt ist. Sich nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu verlieren. Denn Ziel ist ja, immer achtsam zu sein, nicht nur in den Meditationsphasen!


Du interessierst dich für meditative Fotografie. Was kann man darunter verstehen?

Fokussieren auf den Augenblick! 😉


Einerseits gilt Achtsamkeit ja als Trendthema im Management, um mit Stress konstruktiver umgehen zu können. Andererseits existieren noch immer gewisse Vorurteile gegenüber der Meditationspraxis. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht? Outest du dich damit, täglich zu meditieren?

Nein, es ist kein Aushängeschild. Ich finde, dass das eher hinderlich wäre, aber ich verheimliche es auch nicht!


Du hast also nicht den Anspruch, deine Organisation durch Achtsamkeit zu verändern.

Ich bin kein Missionar! Obwohl ich finde, dass es einen Versuch wert ist, die Kultur einer Organisation zu beeinflussen und letztlich gehört das auch zu den Aufgaben einer Führungskraft Aber das geht nicht dadurch, dass ich sage, „so, jetzt sind wir alle achtsam“, oder „jetzt meditieren wir alle“. Für mich ist es das Wesentliche, selbst achtsam zu sein, selbst zu meditieren. Ich bin davon überzeugt, dass das dann abfärbt, dass es etwas bewirkt! Immer geht es um das eigene Tun.


Denkst du das, oder hast du das schon bewusst erlebt?

Beides! Ich sehe ja, wie die Kommunikation im täglichen Gespräch abläuft und da gibt es kleine Dinge, die man einflieβen lassen kann. Die Stopp-Methode, die funktioniert auch im Gespräch. Man kann sagen, „Moment mal“, „Stopp!“. Man braucht keinen Gong, um Momente der Besinnung einflieβen zu lassen!


Bei Achtsamkeit geht es nicht nur darum, die Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu richten, sondern auch darum, die eigenen Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster kennenzulernen und gegebenfalls zu transformieren. Gibt es da einen Insight, der dich überrascht hat und über den du sprechen magst?

Mhm, da muss ich nachdenken... Im Gespräch zum Beispiel höre ich nicht nur Worte, sondern ich spüre, wie mein Körper darauf reagiert. Ich nehme wahr, wenn irgendetwas nicht passt, wenn noch etwas offen, noch ungeklärt ist. Das läuft dann nicht nur in der Ratio ab, sondern ich nehme das auch pysisch wahr. Mehr auf meine Körperreaktionen zu achten, das wäre ein Insight!


Dieses Körperbewusstsein war vorher also nicht so entwickelt?

In den Maβen ganz sicher nicht. Das fällt mir jetzt auch im Gespräch erst auf, dass ich immer mehr auf diese somatischen Marker achte. Nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen!


Menschenorientiertes Führen scheint für dich ein wichtiges Anliegen zu sein!

Ja, klar. Wir haben es mit Menschen zu tun, wir wollen alle als Menschen behandelt werden und das, was man von anderen einfordert, muss man auch anderen gegenüber erbringen. Die MitarbeiterInnen in einer Organisation sind das wertvollste Kapital, was wir haben. Wobei Kapital schon wieder sehr kapitalistisch klingt... Die Wertschätzung, die man Menschen gegenüber bringt, kommt um Vielfaches zurück!


Diese Wertschätzung für andere, war das schon immer ein Thema für dich, oder hat das auch etwas mit deiner Achtsamkeitspraxis zu tun?

Ich denke, das wurde durch die Beschäftigung mit Achtsamkeit verstärkt! Ein kleines Beispiel dazu: Eben hatte ich ein kurzes Gespräch mit einer Kollegin, weil ich mitbekommen hatte, dass sie sich übergangen gefühlt hat. Ich habe das offen angesprochen und mich auch entschuldigt. Solche Dinge zu bereinigen ist wichtig, um auf Augenhöhe miteinander sprechen zu können!


Matthias Horx, der Futurologe, hat Achtsamkeit als Megatrend vorhergesagt. Siehst du das auch so?

Ja, absolut! Das hat ja nicht nur er gesagt! (Sigi nimmt eine Zeitschrift der evangelischen Landeskirche von Nürnberg von seinem Schreibtisch). Hier steht zum Beispiel: „Achtsamkeit ist der wichtigste Gegentrend zur permanenten Reizüberflutung des digitalen Zeitalters und der medial gemachten Erregungskultur“ und „Achtsamkeit ist tief im Evangelischen Gauben verankert und die Sehnsucht danach ist heute groβ.“ Für mich geht es dabei nicht um irgendwelche Glaubensrichtungen, aber ich bin auch davon überzeugt, dass Achtsamkeit immer wichtiger wird!


Was würdest du einer Führungskraft raten, die noch keine Berührung mit Achtsamkeit gehabt hat, sie aber mal ausprobieren möchte.

Da würde ich erstmal gucken, was das für ein Mensch ist, was für ihn oder sie gerade angemessen ist. Es gibt Menschen, die mit Meditation erstmal ein Problem haben. Für die wäre es besser, vielleicht erstmal einen Laufkurs zu machen. Es gibt ja Kurse zum achtsamen Laufen! Für andere wiederum ist es kein Problem, direkt an einem MBSR-Kurs (Mindfulness-Based Stress Reduction) teilzunehmen. Vor Jahren habe ich ein Seminar besucht: „Zen für Führungskräfte“. Das ist erstaunlich, was man da für Menschen kennenlernt. Allerdings muss man aufpassen, dass Meditation nicht nur dafür dient, noch effizienter und effektiver zu werden. Dann hat man das Thema missverstanden!


Was bedeutet Achtsamkeit für dich?

Achtsamkeit ist etwas Ethisches, etwas Spirituelles, eine Innenschau ... Das, was man an Effizienz gewinnt, ist eine Folge, aber nicht der Grund, warum man sich mit diesen Themen beschäftigt.


Gibt es noch etwas, was du gerne gefragt worden wärst?

Ich habe befürchtet, nach dem Grund gefragt zu werden, warum ich meditiere. Und da hätte ich wirklich ein Problem gehabt, eine richtige Antwort darauf zu finden. Es gibt keinen Grund dafür, ich mache es halt!


Vielen Dank für dieses so interessante Gespräch!

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E-Mail: juliane@mindful-working.net

Tel.: +34 686 54 18 03

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