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  • Juliane Echternkamp

Mythen und Missverständnisse rund um das Thema Achtsamkeit

Aktualisiert: Aug 4

Meine eigene erste Meditationserfahrung erlebte ich als so frustrierend, dass ich für viele Jahre nichts mehr mit dem Thema Meditation zu tun haben wollte. Schuld daran war folgendes Erlebnis:

Am Ende einer Yogastunde leitete die Lehrerin uns zu einer Visualisierung an. Es ging darum sich vorzustellen, eine Treppe hinaufstiegen. Stufe für Stufe, langsam und bewusst! Sobald ein Gedanke einen jedoch ablenkte, hieβ es erneut von unten zu beginnen!

Es fiel mir leicht, mir das Treppenhaus zu meiner Wohnung vorzustellen. Und ich sah mich auch den Fuβ auf die erste Treppenstufe stellen, doch plötzlich musste ich an die Präsentation denken, die ich am kommenden Tag halten sollte und die ich noch überarbeiten wollte. Der Gedanke lieβ mich nicht los, bis ich mir bewusst wurde, dass ich mich im Yogaraum aufhielt und eigentlich meditieren wollte. Ich stellte mir vor, wieder am unteren Ende der Treppe zu stehen! Doch kaum hatte ich meinen Fuβ auch nur angehoben, ertappte ich mich schon wieder dabei mich zu fragen, in welchem Restaurant ich am besten einen Tisch reservieren sollte, denn am Abend wollte ich noch mit Freuden ausgehen.

Dieses Spiel wiederholte sich eins um andere Mal und obwohl ich mich redlich bemühte, kam ich nicht über die dritte Stufe hinaus!

Vielleicht haben Sie ähnliche frustrierende Erfahrungen gemacht und sind wie ich damals zu dem Entschluss gekommen, dass Sie unfähig zum Meditieren sind. Doch das ist ganz sicher nicht der Fall. Es sind eher unsere falschen Vorstellungen davon, was Medition eigentlich ist, die uns daran hindern, diese Methode zur Bewusstseinsschulung zu erlernen.

Gleich vorweg, Meditation und Achtsamkeit ist nicht dasselbe. Achtsamkeit ist eine Haltung, nämlich das wahrzunehmen und zu akzeptieren, was im Augenblick geschieht. Meditation ist das Training, was uns hilft, diese Haltung zu entwickeln.


Nun aber zu dem Mythos, der meiner Erfahrung nach am meisten Schaden verursacht:

Mythos Nr. 1: Achtsamkeit bedeutet, die Gedanken zu stoppen

Eine der ersten Achtsamkeitsübungen besteht darin, sich auf den eigenen Atem zu konzentrieren und sich dabei weder von Gedanken, noch von Gefühlen oder Körperempfindungen ablenken zu lassen. Fast alle meine Kursteilnehmer sind davon überrascht, was während einer zuerst einmal einfach anmutenden Übung im eigenen Geist alles passiert und wie schwierig es in Wirklichkeit ist, sich auch nur eine Minute lang auf nichts anderes als den Atem zu konzentrieren.

Doch der Erfahrungsaustausch im Anschluss an diese Übung bietet mir Gelegenheit zu erklären, dass das Ziel dieser Übung eben nicht darin besteht, die Gedanken zu stoppen, sondern dass es vielmehr darum geht, sich aller Ablenkungen gewahr zu werden und dann die Aufmerksamkeit wieder bewusst auf den Atem oder das jeweilige Objekt der Meditation zu lenken. Das bewusste Wahrnehmen der Ablenkungen ist es, das es erlaubt, den „Aufmerksamkeitsmuskel“ zu trainieren. Und genau das ist das Ziel der Übung. Denn Tatsache ist, dass wir den gröβten Teil des Tages im Autopiloten verbringen, sprich gar nicht bemerken, dass wir unseren Gedanken nachhängen und dadurch den Kontakt zur Gegenwart und letztendlich zur Realität verlieren.


Mythos Nr. 2: Achtsamkeit ist eine Entspannungsübung

Ein anderer weit verbreiteter Mythos besteht in der Verwechslung zwischen Meditation und Entspannung. So sind anfangs viele meiner Kursteilnehmer immer dann sehr zufrieden mit einer Meditation, wenn sie sich dabei entspannen können.

Zugegeben, Entspannung ist ein sehr angenehmes Gefühl und als Gegenpol zu den oft mit körperlichen Verspannungen einhergehenden Stressmomenten auch äuβerst wichtig. Doch erstes Ziel der Meditation ist es, statt im oben genannten Autopiloten zu funktionieren, sich wieder dem Jetzt und Hier bewusst zu werden und diesem mit Neugierde und Wohlwollen zu begegnen. Es geht also darum, eine achtsame Haltung zu entwickeln. Dafür ist es nötig, sich aufrecht hinzusetzen und hellwach und präsent zu sein. Genau diese intensive Konzentration des Geistes führt dann häufig zu einer tiefen und wohltuenden Entspannung. Doch ist diese quasi eine Nebenwirkung und nicht die eigentliche Absicht der Meditation.


Mythos Nr. 3: Achtsamkeit bedeutet, sehr lange ganz stillzusitzen

Wir alle haben Filmaufnahmen von Mönchen gesehen, die stundenlang bewegungslos dasitzen und meditieren. Doch das ist nicht nötig, um die wohltuende Wirkung der Achtsamkeit zu erfahren. Schon ein einziger ganz bewusst ausgeführter Atemzug hilft, den Herzschlag etwas zu beruhigen und einer Situation ein Stück weit gelassener zu begegnen.

Ich empfehle meinen Kursteilnehmern, am Anfang, wenn sie gerade erst ihre eigene Achtsamkeitspraxis aufbauen, zunächst mit kurzen Übungszeiten zu beginnen. Dabei ist mir eine Minute so recht wie fünf oder 15 Minuten. Das wichtige ist das regelmäβige Üben, denn dieses führt dazu, die positiven Auswirkungen der Achtsamkeitspraxis auf das eigene Erleben zu erfahren. Und das wiederum motiviert, dann die Übungszeiten zu verlängern.

Abgesehen von den Sitzmeditationen, die zugegebenermaβen in mancher Hinsicht hart sind und viel Selbstdisziplin erfordern, gibt es aber auch Gehmeditationen, bzw. achtsam ausgeführte Körperübungen, mit denen man ebenfalls den Bewusstseinsmuskel trainiert.


Mythos 4: Achtsamkeit ist etwas Religiöses

Es ist richtig, dass Buddha die Achtsamkeit als erster sehr gründlich erforschte und seine schriftlich überlieferten Texte ein Kompendium darstellen, aus dem sehr genau hervorgeht, wie man Achtsamkeit kultivieren kann. Und auch in anderen Religionen gibt es verschiedenste Kontemplationsübungen, die alle das Ziel haben, zunächst den eigenen Geist zu beruhigen.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei der Achtsamkeit um eine den Menschen angeborene Fähigkeit, über die jeder verfügt. Das bis heute populärste Achtsamkeitsprogramm, das MBSR von Jon Kabat-Zinn, basiert zwar auf den von Buddha überlieferten Achtsamkeitübungen, ist aber frei von religiösen Elementen und gilt somit weltanschaulich als neutral. Achtsamkeit ist für alle Menschen geeignet, unabhängig von Alter, Geschlecht oder spirituell-religiöser Ausrichtung.



Mythos Nr. 5: Meditation ist ein Weglaufen vor der Realität

Das Gegenteil ist der Fall. Unsere Wahrnehmung der Realität ist von unseren eigenen Glaubenssätzen und Erwartungen beeinflusst, ohne das wir uns dessen bewusst sind. In Stressmomenten kommt hinzu, dass wir nur noch das wahrnehmen, was zu unserer Emotion passt, wir also einen sogenannten Tunnelblick und ein Schwarz-Weiβ-Denken entwickeln. Durch das Meditieren kommen wir in die Lage, uns dieser automatisch stattfindenden Veränderung bewusst zu werden und ihnen entgegenzuwirken. Meditation ist also kein Weglaufen, sondern ein sich Zuwenden zur Realität.

Mythos Nr. 6: Meditation ist ein Allheilmittel

Meditation ist sicher kein Weg, damit alle Ihre Probleme sofort verschwinden. Denn obwohl Sie erste Wirkungen wie mehr Ruhe und Ausgeglichenheit sofort bemerken werden, wird es neben solchen Aha-Erlebnissen auch viele Zeiten geben, in denen Sie die Wirksamkeit dieser Methode infrage stellen werden. Das liegt daran, dass viele Ergebnisse sehr subtil sind und umso mehr Sie sich von einer Meditation erwarten, umso enttäuschter werden Sie sein. Doch irgendwann werden Sie an einen Punkt gelangen, an dem Sie plötzlich feststellen, wie sehr Sie sich verändert haben. Vielleicht wird Ihnen dann bewusst, wie viel konstruktiver Sie mit Veränderungen umgehen, oder dass bestimmte Gefühle, denen Sie sich früher hilflos ausgeliefert gefühlt haben, weniger Einfluss auf Ihr Denken und Tun haben.

Deshalb möchte ich Sie ermutigen, dranzubleiben. Haben Sie Geduld, dann werden Sie von der Kraft überrascht sein, die Achtsamkeit in Ihrem Leben und Arbeiten entfaltet.

Diese sechs Mythen oder Missverständnisse sind diejenigen, denen ich in meinen Achtsamkeitskursen am häufigsten begegne. Vielleicht haben Sie selbst noch andere Zweifel, die Sie bislang davon abgehalten hat, sich der Achtsamkeit zuzuwenden. Dann würde ich mich über einen Kommentar von Ihnen freuen. Gerne gehe ich darauf ein!

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E-Mail: juliane@mindful-working.net

Tel.: +34 686 54 18 03

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