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  • Juliane Echternkamp

Was haben trockene Bohnen mit Dankbarkeit zu tun?

Aktualisiert: Sept 15



Dankbare Menschen sind glücklicher und leiden seltener unter Depressionen. Das wissen viele, doch nicht immer ist es leicht, sich dankbar zu fühlen. Es gibt genügend Tage, an denen die Welt sich scheinbar gegen einen verschworen hat, und dann ist es weitaus einfacher, mit dem eigenen Schicksal zu hadern, als genau dafür Dankbarkeit zu entwickeln.


So ging es mir zumindest, als im Frühjahr dieses Jahres in meiner Wahlheimat Spanien der Lockdown begann. Über Wochen durfte man praktisch nur zum Einkaufen aus dem Haus gehen und, noch schlimmer für mich als Selbstständige, quasi von einem Tag auf den anderen wurden alle bei mir gebuchten Trainings gecancelt. Das machte mich wütend, traurig, sorgenvoll und ängstlich, wenn ich an die unsichere Zukunft dachte. Alle (negativen) Gefühle experimentierte ich, nur definitiv keine Dankbarkeit! Vielen, denen während der Pandemie Ähnliches passiert ist, oder die sogar selbst erkrankt sind, wird es nicht anders gegangen sein.


Doch es lohnt sich, gerade während eines Stimmungstiefs sein Augenmerk bewusst auf die Dinge zu richten, die trotz aller Widrigkeiten positiv sind. Wer einmal mit Dankbarkeit experimentiert hat, wird sich schnell der diesem Gefühl innewohnenden Kraft bewusst werden. Dafür reicht es, kurz die Augen zu schlieβen und sich ein positives Ereignis wie ein erfolgreich abgeschlossenes Projekt oder einfach nur einen erholsamen Waldspaziergang ins Gedächtnis zu rufen. Schon so eine kurze Visualisierungsübung dankt einem der Körper mit ein klein wenig mehr Entspannung!


Doch Dankbarkeit zu kultivieren hat viel weitreichendere Auswirkungen auf das seelische und körperliche Wohlbefinden, wie die Positive Psychologie in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen nachweisen konnte. „Dankbare Menschen haben mehr Energie, sind optimistischer, experimentieren mehr positive Emotionen und sind freundlicher und empathischer im Umgang mit anderen“, schreibt Sonja Lyubomirsky in „Glücklich sein”, einem gut lesbaren Buch mit vielen wissenschaftlich fundierten Ansätzen. Dankbarkeit sei sogar die wichtigste Strategie auf dem Weg zu mehr Glück, so die amerikanische Psychologin und Wissenschaftlerin.


Doch was genau bedeutet Dankbarkeit und warum fällt es uns oft so schwer, die positiven Seiten unseres Lebens wahrzunehmen und wertzuschätzen? Nicht nur in wirklich schwierigen Situationen, sondern auch an Tagen, an denen man einfach nur mit dem linken Fuβ aufgestanden ist?


In Wikipedia wird Dankbarkeit definiert als „ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat oder erhalten wird“. Nach dieser Definition wird Dankbarkeit immer an eine Bedingung geknüpft. Offener dagegen ist folgende Definition von Robert Emmons, ebenfalls Psychologe, Wissenschaftler und Autor:


„Dankbarkeit ist ein Gefühl des Staunens, des Danks und der Wertschätzung für das Leben.“


Hier gibt es keine Bedingung mehr, sondern es geht um eine innere Haltung. Allein beim Lesen des Zitats fühlt man sich gleich ein wenig beschwingter.


Doch dieses Staunen für das Leben ist uns Menschen nicht in die Wiege gelegt. Ganz im Gegenteil, unsere Wahrnehmung unterliegt viel mehr einer sogenannten negativen Verzerrung! So geht die Evolutionspsychologie davon aus, dass unsere Gesellschaft und Psyche vor allem während der Steinzeit, der Zeit der Jäger und Sammler, geprägt wurde. Damals mussten diejenigen, die sich sorglos in der Sonne räkelten, statt nach dem Säbelzahntiger Ausschau zu halten, diesen Fehler mit dem Leben bezahlen. Die Vorsichtigen dagegen, deren Gehirn in ständiger Alarmbereitschaft war, überlebten und konnten sich fortpflanzen.


Auch heute noch, wo es weit weniger reale Bedrohungen für unser Leben gibt, ist unser Gehirn ständig auf der Suche nach wirklichen oder vermeintlichen Gefahren. Und genau wie vor Urzeiten nehmen wir noch immer die von uns als negativ eingestuften Erlebnisse schneller auf als angenehme und brennen diese tiefer in unser Gehirn ein, um uns an Gefahrenquellen zu erinnern und diesen künftig aus dem Weg gehen zu können.


Uns Sorgen zu machen und zu viel über das nachzudenken, was in unserem Leben schiefgeht, ist also unser genetisches Erbe! Und um diesem Automatismus entgegenzuwirken, müssen wir bewusst an der Fähigkeit des Denkens an positive Dinge arbeiten und sie einüben.


Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Zum Beispiel kann man ein Dankbarkeitstagebuch führen und darin die Erlebnisse festhalten, die man als angenehm empfunden hat und für die man dankbar ist. Lyubomirsky konnte mit ihren Studenten nachweisen, dass diese Übung dann am wirksamsten ist, wenn man sie statt täglich nur einmal pro Woche ausführt. Als Grund dafür vermutet die Wissenschaftlerin, dass sie sonst zu sehr zur Gewohnheit wird und Langeweile hervorrufen kann.

Eine andere Übung ist der sogenannte „Dankesbesuch“, den Martin Seligman, der Begründer der positiven Psychologie, in seinem Buch „Flourish. Wie Menschen aufblühen“ beschreibt. Dabei geht es darum, sich bei einem Menschen zu bedanken, der vor längerer Zeit etwas getan oder gesagt hat, das das eigene Leben zum Besseren verändert hat.


Dazu schreibt man zuerst einen Dankesbrief, in dem man ganz konkret erklärt, was er oder sie für einen getan und wie das das eigene Leben beeinflusst hat. Dann verabredet man sich mit dieser Person, ohne vorher den Grund für den Besuch preiszugeben, damit es eine wirkliche Überraschung wird. Bei dem Besuch dann liest man den Brief vor und spricht danach über den Inhalt und die eigenen Gefühle füreinander.


Man kann sich gut vorstellen, dass so eine Übung die Beziehung der beiden Personen zueinander vertieft. Doch, wie Seligman mit seinen Studenten nachweisen konnte, zudem ist auch noch der Danksagende selbst über einen Monat lang glücklicher!


Dieser positiven Auswirkungen der Dankbarkeit bewusst, nahm ich mir während des Lockdowns vor, damit zu experimentieren. Doch erst, nachdem ich mir zugestanden hatte, einige Tage Trübsal zu blasen. Denn dank meiner Achtsamkeitspraxis habe ich gelernt, auch solche Stimmungstiefs als Teil des Lebens zu akzepetieren und negative Gefühle zuzulassen, statt mir etwas Schönzureden. Allerdings ohne mich in ihnen zu aalen und in Selbstmitleid zu versinken!


Doch dann begann ich mit der „Fünf-Bohnen- Methode“, die noch immer zu meinem täglichen Ritual gehört! Dazu stecke ich mir jeden Morgen fünf trockene Bohnen in die rechte Hosentasche. Jedes Mal dann, wenn mir etwas Angenehmes widerfährt oder ich etwas Schönes sehe oder höre, wandert eine dieser Bohne in die linke Hosentasche. Und so sammle ich den Tag über positive Erlebnisse, bis alle Bohnen die Hosentasche gewechselt haben!


Im Gegensatz zu Lyubomirsky´s Studien finde ich diese Übung trotz täglicher Anwendung zunehmend spannender. Denn plötzlich werde ich auf Begebenheiten aufmerksam, die ich sonst gar nicht wahrnehmen, oder sofort wieder vergessen würde: zum Beispiel das Lächeln eines Unbekannten in der U-Bahn oder die unerwartete Umarmung meines pubertierenden Sohnes, von dem ich normalerweise weitgehend ignoriert werde.


Meine täglichen fünf Bohnen haben mir in einem schwierigen Moment geholfen, mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden und neuen Optimismus zu entwickeln! Und noch immer bin ich froh darüber, dank dieser Methode mir selbst an schlechten Tagen all derjenigen Momente bewusst zu werden, für die ich dankbar bin und denen ich vorher einfach keine Beachtung geschenkt habe! Eine perfekte Achtsamkeitsübung mit erstaunlicher Wirkung!

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